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Montag, 21. Februar 2011

Streuostwiesen: Früchtekorb und Futterwiesen zugleich

Streuobstwiesen: Früchtekorb und Futterwiesen zugleich

Von Dr. Erich Koch, Md. ÖDP, Altshausen
Streuobstwiesen sind ein wichtiger Bestandteil der baden-württembergischen Kulturlandschaft. Sie sind in vielfältiger Weise Bindeglieder mehrerer Biotopelemente. So finden sich hier Gehölzstrukturen ebenso wie unterschiedliche Wiesenaspekte. Mit über 5.000 Tier- und Pflanzenarten sowie über 3.000 Obstsorten besitzen Streuobstbestände eine ungewöhnlich hohe biologische Vielfalt. Damit gehören sie zu den naturschützerisch bedeutendsten Kulturlandschaften Europas. Und mit Streuobstwiesen verbindet fast jeder Baden-Württemberger schöne Erinnerungen.

In vielen Gegenden Deutschlands, der Schweiz und Österreichs, die kleinklimatisch begünstigt sind, hat sich im Laufe der Jahrhunderte eine besondere Kulturform herausgebildet, die eine Mischung aus Wiesen- und Obstnutzung darstellt: die Streuobstwiesen. Trotz großflächiger Rodungen in den 1950er bis 1970er Jahren erreichen Streuobstwiesen im Gebiet des heutigen Landes Baden-Württemberg immer noch eine relativ weite Verbreitung und das Land besitzt die bedeutendsten Streuobstbestände in ganz Europa. Die Hälfte aller deutschen Streuobstwiesen findet man im Südwesten, ganze 117.000 Hektar. Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung für diesen Lebensraum, auch deshalb, weil er vom Aussterben bedroht ist.
Streuobstwiesen prägen Landschaften

Hochstämmige Obstbäume gehören Gott sei Dank immer noch zum altvertrauten Bild südwestdeutscher Kulturlandschaften. Sei es, dass sie als grüner Kranz Dörfer und Weiler umgeben, als Alleen Straßen und Wege säumen, als markante Einzelbäume in der Feldflur stehen oder in Form regelrechter „Obstbaumwälder“ ganze Talhänge bedecken – immer stellen sie ein die verschiedenen Landschaften wesentlich prägendes Element dar. Da sie mehr oder weniger locker über die Landschaft „gestreut“ erscheinen, hat sich für diese traditionelle Form des Obstbaus im Unterschied zu den geschlossenen Blöcken moderner Niederstamm-Dichtpflanzungen die Bezeichnung Streuobstbau eingebürgert. Damit leitet sich auch der seit gut 20 Jahren häufig gebrauchte Begriff Streuobstwiesen ab. Er hat jedoch nichts mit der Streunutzung einer Wiese zu tun, wie man vordergründig vermuten könnte.

Solche Streuobstwiesen tragen in vielen Landesteilen Baden-Württembergs ganz wesentlich zu deren landschaftlicher Anmut bei. Es gibt wohl kaum eine andere heimische Kulturart, bei der schon eine einzelne Pflanze eine so bestimmende Landschaftsmarke setzt wie ein ausgewachsener Hochstamm-Obstbaum. Aber auch dort, wo viele solcher Bäume zu einem „Obstwald“ vereinigt sind, bilden sie keine amorphe Masse, sondern eine Vielfalt von Individuen, die das Landschaftsbild beleben. Im Unterschied zu den flächig erscheinenden landbaulichen Kulturen geht von Bäumen eine dreidimensionale Wirkung aus. In ihren wechselnden Gruppierungen vermitteln sie räumliche Tiefe, Unverwechselbarkeit und Vielfalt, die noch gesteigert wird durch die im Jahresverlauf wechselnden arten- und sortentypischen Farbnuancen, wobei die Blütezeit und die Zeit der Frucht- und Laubfärbung besondere Höhepunkte darstellen. Ganz allgemein zählen die von Streuobstwiesen geprägten Landschaften zu den vielfältigsten Bildern mitteleuropäischer Kulturlandschaften.
Besonderer Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten

Der besondere Wert der Streuobstwiesen als Biotop ergibt sich aus zwei Ursachenkomplexen: Zum einen bilden die Bestände mit ihrer durch freistehende, ausladende Bäume und einen artenreichen Unterwuchs charakterisierten „savannenartigen“ Struktur schon vom räumlichen Aufbau her ein vielfältiges Mosaik verschiedener Kleinbiotope, wie es weder der geschlossene Wald noch das freie Acker- oder Grünland bieten können.

Zum anderen bedeuten die mit der extensiven Nutzung verbundenen seltenen und meist weniger tiefgreifenden Bewirtschaftungsmaßnahmen eine geringere Störung von Pflanzen und Tieren als im Intensivobstbau oder bei anderen intensiven Nutzungen. Das seltenere Durchfahren mit Geräten, der weniger häufige Schnitt des Grases und die oft völlig fehlende Anwendung von Pflanzenschutzmitteln sowie das Belassen alter Bäume mit abgestorbenen Astpartien ermöglichen einer viel größeren Zahl von Tier- und Pflanzenarten, die keineswegs nur als Schädlinge auftreten, das Überleben.

Farbenprächtige Blumenwiese

Am augenfälligsten ist der große Artenreichtum der extensiv bewirtschafteten Streuobstwiesen an der Zusammensetzung des Unterwuchses erkennbar. Zwar finden sich meist keine an besondere Standorte gebundene Raritäten, da Streuobstwiesen weder ausgeprägte Trocken-, noch Feucht-, noch Magerbiotope sind. Dementsprechend überwiegen Arten der Wiesen und Weiden mäßig trockener bis mäßig feuchter Standorte mit mittlerer bis guter Nährstoffversorgung. In der Regel bilden sie verschiedene Ausprägungen unserer häufigsten Wiesengesellschaft, der Glatthaferwiese. Die Glatthaferwiese ist ein besonders blütenreicher Wiesentyp unserer Mittelgebirge in Europa.

Insgesamt sind es ungefähr 70 bis 80 Arten, die in den Glatthaferwiesen regelmäßig vorkommen können, wenngleich wir im konkreten Einzelbestand meist nur 25 bis 35, vielleicht auch einmal 40 Arten finden. Diese blumenbunten Glatthaferwiesen unter den Streuobstbeständen sind für den Naturschutz ein ungemein wertvolles Kapital, das es unbedingt zu erhalten gilt. Denn hier sind die Blumenwiesen mit ihren gesellschaftsgebundenen und standortbedingten Blumen bereits real vorhanden und müssen nicht in verkrampfter Manier durch Ansaat von gesellschaftsfremden, oft nicht einheimischen und nicht standortsgemäßen Arten erst geschaffen werden.

Der Baum als Lebensraum

Optisch weniger auffallend ist die noch viel größere Artenvielfalt der Tiere, die auf bestimmte Pflanzenarten als Wirtspflanzen angewiesen sind oder die im Boden, im Unterwuchs, an den von Flechten und Moosen überzogenen Stämmen, Ästen und Zweigen, im Totholz oder in Baumhöhlen, auf den Blättern oder auch zwischen den Zweigen des Kronenraumes ihre passende „ökologische Nische“ finden. Um einen Einblick in die Arten- und Individuenzahl der Tiere sowie ihr Verhalten zu bekommen, sind oft erst langwierige zoologische Untersuchungen notwendig. So können sich auf Apfelbäumen, sofern keine Bekämpfung stattfindet, allein rund 1000 Gliederfüßler-Arten (Arthropoden) ansiedeln und insgesamt können Streuobstwiesen bis zu 3000 Tierarten beherbergen, von der Ameise bis zur Fledermaus.

Diese biologische Vielfalt, die durch den Doppellebensraum Wiese – Baumhain begründet ist, findet sich in modernen Niederstamm-Obstplantagen nicht mehr. Dort schließen die intensive Düngung mit Pestizid- und Herbizideinsatz wie auch das fehlende Totholz Artenvielfalt aus.

Unter den zahlreichen Tierarten der Lebensgemeinschaft Streuobstwiese sind im Unterschied zu den Pflanzen nicht wenige, die als gefährdete Arten auf den Roten Listen stehen, von den Säugern beispielsweise Gartenschläfer, Siebenschläfer, Haselmaus und verschiedene Fledermausarten, von den Vögeln Steinkauz, Wiedehopf, Gartenrotschwanz, Würger- und Spechtarten, unter letzteren insbesondere Grünspecht, Grauspecht und Wendehals.

Sympathien für den Streuobstbau und Engagement der Bürger

Aufgrund einer verfehlten Agrarpolitik der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), heute Europäische Union (EU), gingen ab 1957 die Streuobstbestände dramatisch zurück. So wurde noch bis 1974 die großflächige Rodung von Obstwiesen staatlich prämiert! Und noch immer fallen Obstbäume dem „Flächenfraß“ zum Opfer. Doch das größte Problem ist inzwischen die mangelnde betriebswirtschaftliche Rentabilität der Streuobstwiesen und die hohen Ansprüche der Industriegesellschaft an die Obstqualität. So sind die Verkaufspreise von Mostobst niedrig und die Bewirtschaftung relativ zeitaufwändig bei einer schlechten Vermarktungschance. Unregelmäßige Erträge, die für den Streuobstbau typisch sind, passen eben nicht mehr in unser technisiertes Wirtschaften.

Deshalb wird die Baumpflege reduziert, oder die Flächen werden gerodet und zu Bauland, Ackerland oder Intensivgrünland umfunktioniert. Auch die Umwandlung in Freizeitgärten oder die Flurbereinigung haben große Lücken in die Streuobstbestände geschlagen.
Hoffnung gibt jedoch eine ganze Reihe von Initiativen. Wegen des öffentlichen Interesses am Streuobstbau wurden bereits seit den 1980er Jahren von Bund, Ländern, Kreisen und Gemeinden Fördermaßnahmen eingeleitet. Außerdem entwickelten Obst- und Gartenbauvereine, Naturschutzvereinigungen sowie spezielle Bürgerinitiativen vielfältige Aktivitäten.
Selbst in jüngster Zeit wirbt der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Rudolf Köberle persönlich für Produkte aus Streuobst. Die Mitarbeiter seines Ministeriums initiierten eine breit angelegte Sympathiekampagne für Produkte aus dem Streuobstanbau und das Land fördert die Streuobstwiesen jährlich mit 10 Millionen Euro. Auch beinhaltet das Programm zur Rettung von Streuobstwiesen Strategien zur Verwertung des Grasaufwuchses, ebenso wie Baumschneide- und Pflegekurse, Pflanzaktionen und bis hin zur Förderung von Lohnmostereien und Kleinbrennereien. Ebenso legen sich Natur- und Landschaftsschützer, Pro Regio und selbst politische Parteien wie die ödp dafür ins Zeug, dass die Streuobstwiesen nicht weiter schrumpfen und rufen dazu auf, Streuobstgärten wieder zu pflegen, um damit einen wichtigen Beitrag zur Kulturlandschaft zu leisten.

Das Jahr 2010 ist das weltweit beachtete Jahr der biologischen Vielfalt. Der Kreisverband Sigmaringen der ÖDP nimmt dies zum Anlass, auch dem Streuobstgarten in Oberschwaben zu neuem Ansehen zu verhelfen.

Fairen Preis für das Streuobst

So sehr diese vielfältigen Streuobst-Kampagnen zu begrüßen sind, doch Sympathiekundgebungen alleine reichen nicht aus. Der Streuobstbewirtschafter muss vor allem aus wirtschaftlichen Erwägungen ein Interesse daran besitzen, sich zu bücken und die Früchte aufzuheben, die Wiesen zu mähen und die Obstbäume wieder zu pflegen. Deshalb ist zuallererst der Verbraucher gefordert, nicht nur für Kaffee, Bananen oder Blumen aus Afrika, Asien oder Lateinamerika faire Preise zu zahlen, sondern auch für die Produkte unserer heimischen Streuobstbauern. So bedeutet zum Beispiel bei Apfelsaft eine Steigerung um 12 Cent pro Liter eine Erhöhung der Erzeugerpreise um acht bis neun Euro je Doppelzentner. Das schafft für die deutschen Streuobstbauern eine wirtschaftliche Existenzgrundlage und damit werden quasi „automatisch“ die aus Naturschutzsicht wertvollen Kulturbiotope erhalten, ohne dabei den Naturschutzetat und letztendlich den Geldbeutel des Steuerzahlers zu belasten. Denn vom Staat gekaufte „Pflegefälle“ an Streuobstwiesen sind auf Dauer nicht finanzierbar!

Streuobstbauern, welche umwelt- und verbraucherfreundlich wirtschaften und die Anwendung synthetischer Behandlungsmittel wie Pestizide und Dünger ausschließen, haben einen Anspruch auf höhere Erzeugerpreise.

Weitere Chancen für diese Bindeglieder von Natur und Kultur gibt es auch dort, wo Grundstücksbesitzer, die längst keine Landwirte mehr sind, als Feierabend- oder Wochenendbeschäftigung die Baumwiesen traditionell bewirtschaften. So können auch ihre Kinder den besonderen Reiz einer Streuobstwiese erleben und die gewachsene Kulturlandschaft für die kommenden Generationen bewahren.

Anmerkung von Felix Staratschek:
Auf den alten Luftbildern, die im Rathaus in den Fluren hängen, kann man sehen, dass es auch in Radevormwald früher viele Streuobstwiesen gegeben hat, eine sehr große an der heutigen Kreuzstraße, kleinere neben vielen Bauernhöfen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Streuobstwiese  

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