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Sonntag, 13. März 2011

Dr. Erich Koch (ÖDP): Mein kleines Naturparadies

Mein kleines Natur-Paradies

Anekdoten aus vergangenen Jahren -

Von Dr. Erich Koch, Altshausen, Md. Ökologisch Demokratische Partei (ÖDP)

Viertürmeblog: Hier zeigt ein ÖDP- Politiker aus Baden Württemberg, dass er nicht nur politischer Theoretiker ist

Seit Stunden sitze ich an diesem sonnigen Frühlingstag des Jahres 2011 auf meiner Gartenbank, direkt unter einer ausladenden Kätzchenweide und geschützt durch weiteres, dichtes Gebüsch und Stauden. Ich lausche dem vielstimmigen Vogelkonzert, das rings um mich her gegeben wird. Zu meiner Linken eilt ein kleiner Bach, das Strutbächle, unter Erlen und Weiden dem vor mir liegenden Weiher zu. Rechts vor mir setzt sich der Weiher fort, bis er in einem winterbraunen, fast undurchdringlichen Schilfwald endet.

Mit Zufriedenheit betrachte ich diese kleine Welt, im Herzen Oberschwabens gelegen, und meine Gedanken gehen um Jahrzehnte zurück. Es sind genau vier Jahrzehnte.

Damals dehnten sich hier mehrere eintönig nasse Wiesen aus und trotz aller Bemühungen, sie waren nutzlos für die Landwirtschaft. Dazu gehörte noch ein ehemaliger Torfstich, welcher sich klammheimlich über Nacht in einen Friedhof für ausgediente Autoreifen und anderen Müll verwandelte.
Der Vorbesitzer, ein Land- und Gastwirt, verkaufte mir das ganze, etwa 2 Hektar große Gelände, malerisch inmitten einem der zahlreichen oberschwäbischen Ried- und Waldlandschaften gelegen, sehr gerne und für wenig Geld.

Landratsamt, Forstamt und Gemeinde mussten gefragt werden. Es gab mehrere Begehungen, welche stets einen umfangreichen Schriftverkehr auslösten, der sich über mehrere Jahre hinzog und immerhin drei dicke Aktenordner füllte. Und die Aktenzeichen der Behörden wurden immer länger, zum Schluss 19ziffrig.
Doch nach genau achttausendundzwanzig Gramm Behördenpapier, Planzeichnungen und orohydrographischen Flurkarten erhielt ich den amtlichen Segen und konnte endlich beginnen, mir den seit meiner Schulzeit alten Wunsch erfüllen, Besitzer eines eigenen kleinen Naturparadieses zu sein. Denn genau das wollte ich aus diesen nassen, wertlosen Wiesen mit ihrer wilden Müllkippe machen.

Dieser Wunsch nach einem Naturparadies entstand während meiner Schulzeit in einer katholischen Dorf-Volksschule. Die Volksschulen auf dem flachen Land Oberschwabens waren noch bis 1967 oftmals einklassig und katholisch, obwohl ich ein Evangelischer bin. Einklassig heißt, es gab nur einen einzigen Klassenraum für alle Schüler der Klassen eins bis acht. Und nur ein einziger Lehrer „regierte“ an einer solchen Dorfschule und hatte alle 8 Klassen zu unterrichten. Auch durfte ein Dorfschullehrer nie krank werden. Denn eine Vertretung gab es nicht.

Ich selber besuchte schon eine „moderne“ Volksschule in Ostrach. Das Dorf war etwas größer, hatte andeutungsweise städtische Züge und immerhin 1200 Seelen wohnten dort und wir besaßen ein eigenes, richtiges Schulgebäude mit 4 Klassenräumen. Es waren immer zwei Schuljahrgänge zu einer Klasse zusammengefasst und nach dem Abschluss der achten Klasse begann für uns alle ein neuer Lebensabschnitt, der Beginn einer Lehre oder Besuch der Handelsschule

Auch wenn täglich einige von uns Schüler Tatzen und Hosenspanner bekamen und viele Tränen geflossen sind, wir haben dennoch unsere Schulmeister geachtet und sogar bis heute verehrt . Denn sie haben uns Kindern viel beigebracht und nahezu jeder von uns Schülern hat ein anständiges Handwerk oder einen angesehenen Beruf erlernt.

Nur mit Sexualkunde ist es etwas dürftig ausgefallen.

Die gesamte Sexualkunde-Information während meiner Volksschulzeit bestand aus einem einzigen Satz und den hat uns unser damaliger Lehrer Martin Bucher so erklärt:
„Die Mädle, die krieget nur Tatza und koine Hosaspanner, weil dia amol später Kindla krieget“.
Das war’s mit meinem Sexualkunde-Unterricht an der Volksschule in Ostrach!

Doch zurück zu meinem alten Traum, Besitzer eines Naturparadieses zu sein.

Dieser Traum entstand, wie ich bereits erzählte, während meiner Schulzeit im Fach Naturlehre.
Das Fach Naturlehre beinhaltete die heutigen Schulfächer Biologie, Chemie, Physik und Technik. Es gab damals nur ein einziges Lehrbuch, aber da stand alles sehr anschaulich drin, was man für sein späteres Leben brauchen konnte. Auch konnte Lehrer Bucher uns Schüler für die Natur begeistern. Es war immer muksmäuschenstill im Klassenzimmer, wenn unser Lehrer von den Mooren, Sümpfen, Rieden und Seen erzählte, die meine oberschwäbische Heimat prägte.

„Oberschwaben, das ist das Land der tausend Moore, Seen und Wälder. Das müsst ihr Buba und Mäd‘la euch für emmer merka.“
So sprach unser Lehrer und ich hab’s mir nach 60 Jahren immer noch gemerkt.
In der Tat, nur wenige hundert Meter von unserem Wohngebäude, dem Bahnhof von Ostrach, breitete sich eines der größten Moore von Süddeutschland aus, das Pfrunger-Burgweiler Ried. Für mich als Bub war es riesig und unendlich. Wie von magischen Kräften wurde ich von den Sümpfen und Mooren angezogen, dem morastig riechenden Boden und dem Duft der zahlreichen wilden Blumen. Diese Moorlandschaft hatte für mich immer etwas Geheimnisvolles an sich und als wir in der Schule das Gedicht vom Erlkönig von Johann Wolfgang von Goethe auswendig lernen mussten, war mein Glaube an Moorgeister und Elfen perfekt.

„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.



„Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht ?“
„Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif ?“
„Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.“



Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“

„Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?“
„Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind.“



„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehen?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“

„Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort?“
„Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau,
Es scheinen die alten Weiden so grau“.

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“
„Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!“

Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.“

Seitdem bringe ich einen eigenartigen Respekt und tiefe Achtung diesen Landschaften entgegen. Und so war mein geheimer Wunsch geboren, aus einem Moor ein kleines Naturparadies zu schaffen.
Mittlerweile sind wir umgezogen, gut 10 Kilometer weiter ostwärts, nach Altshausen. Meine Begeisterung, ein Naturparadies zu erschaffen, war auch am neuen Ort ungebrochen und so machte ich mich vor genau 40 Jahren ans Werk, fing an zu überlegen und zu planen, zu graben und zu pflanzen. Lange Hecken und ein kleiner Wald sollten das Ganze nach außen abschirmen und zwei Weiher, jeweils mit einer Insel, sollten das Herz meines Naturparadieses bilden.
Bald sah ich ein, dass diese Einmannarbeit mit Spaten und Schaufel sowie einem altersschwachen Schubkarren nicht zu machen war. Ein Kettenbagger eines wohlgesonnenen Klein-Unternehmers aus Altshausen schaffte in acht Tagen, was mir in Monaten, vermutlich sogar nach Jahren mühsamster Arbeit nicht gelungen wäre: Zwei Weiher anzulegen mit einer Ausdehnung von fast 50 Metern und einer Breite von rund 25 Metern. Die Wassertiefe lag zwischen 2 und 3 Metern.
Und so lernte ich den Bagger als willkommenes Hilfsmittel des Naturschutzes kennen und nicht als eine naturzerstörende Technik.
Der Winter ging vorüber, der Frühling kam, und nun überstürzten sich die Ereignisse. Jeden Tag gab es Neues zu sehen. Auf den ausgehobenen Erdwällen blühte gelb der Huflattich. Die ersten Frösche stellten sich ein, die Teichmolche folgten, der Bachflohkrebs bevölkerte die Uferzonen und die ersten Fische, es waren Elritzen und Karauschen, bezogen ihr neues Habitat.

Die ersten Vögel sahen sich nach Nistgelegenheiten um, und zu meiner Freude konnte ich alle vier verschiedenen Meisenarten ausfindig machen, die Kohl-, Blau-, Baum- und Sumpfmeise.
Es war, als wolle die Natur so schnell wie möglich für ihre Geschöpfe Besitz ergreifen von diesem ihr zugedachten Stückchen Erde.
Jahre sind vergangen. Mittlerweile genau 40 Jahre. Aus dünnen Sträuchern wurde eine Heckenwand. Aus den zarten Waldsämlingen richtige, 25 Meter hohe Laub- und Nadelbäume. Die einst so kahlen Weiher haben sich mit üppiger Flora umgeben. Das Sumpfgebiet bedeckt ein Schilfwald.
Überall wächst und wuchert es. Es ist eine echte Heimat und Zuflucht für allerlei Groß- und Kleingetier geworden.
Und in meinen kühnsten Träumen hätte ich nicht erwartet, dass sich einmal eines der wertvollsten Landbiotope Mitteleuropas in meinem kleinen Paradies bilden würde, nämlich ein Streuwiesen-Biotop. Erst vor rund 10 Jahren wurde mir bewusst, welches Juwel sich da durch mein zufälliges Tun gebildet hat.
Die Flora der Streuwiesen besticht durch ihren außerordentlichen Artenreichtum. Es wurden schon Bestände mit 60 bis 100 verschiedenen Pflanzenarten auf wenigen Quadratmetern beschrieben. Auffällig ist der hohe Anteil von ästhetisch ansprechenden und auch seltenen und gefährdeten beziehungsweise vom Aussterben bedrohten Arten wie einige Orchideen, der Mehlprimel, dem Fettkraut oder dem Schwalbenwurzenzian.
Nicht nur die Flora, auch die Fauna der Streuwiesen trägt besondere Züge. Außerordentlich viele Tierarten nutzen sie als Lebensraum, sei es zur Nahrungsaufnahme, zur Fortpflanzung oder als Ruheraum.
Die Lebendigkeit und Lebensqualität der Streuwiesen sind geradezu sprichwörtlich. Je nachdem beansprucht die eine Tierart entweder nur bestimmte Pflanzenarten, eine andere nur bestimmte Teile einer Wiese wie die untere Krautschicht, nur einen bestimmten Wiesentyp oder aber größere, zusammenhängende Feuchtwiesengebiete.
Damit zählen Streuwiesen wahrhaft zu den lebendigsten Lebensräumen Mitteleuropas, entstanden aufgrund menschlicher Bedürfnisse und durch die wirtschaftende Hand des Bauers.

Mein Zutun war, diese Wiese aus Zeitmangel nur einmal im Jahr, und zwar im Spätherbst mit der Sense zu mähen und das strohige Mähgut abzurechen. Und schon entstand im Laufe der Jahre, für mich unbeabsichtigt, eines der kostbarsten Landschaftselemente, welche man in Mitteleuropa kennt.
Gewiss, all dies sind keine Sensationen. Was mich aber glücklich macht, ist der Gedanke, in dieser Welt der Massenvernichtung, in dieser Zeit des großen stillen Sterbens in unserer Natur ein Winziges getan zu haben, dieser Vernichtung und diesem Sterben entgegen zu treten. Die Bewahrung der Schöpfung ist mir bewusst geworden.

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