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Sonntag, 24. April 2011

Dr. Herbert Gruhl: Die Überlebensnotwendikeit ökologischer Politik

Grundsatzrede auf dem Gründungsparteitag der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) am 6. März 1982 in Bad Honnef
Diese Rede wurde von der ÖDP früher als Broschüre angeboten. Seit dem hat sich einiges getan. Zwar sind die Politiker noch immer so korrupt, wie damals, aber ein sinnvolles menschliches Leben ist mit der modernen Technik möglich, wenn die Politik den richtigen Rahmen vorgibt. Ein aktuelles Plakat der ÖDP zitiert Gandhi: "Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nichts für jedermanns Gier." Über Details kann auch dieser Rede kann immer diskutiert werden. Als historisches Dokument ist diese aber wichtig. Schließlich hat die Partei, auf deren Gründungsparteitag diese Rede gehalten wurde im Bundesland Bayern ohne Parlamentssitze das Bundesland mehr verändert, als die Landtagsopposition und mit den Klagen zum Vertrag von Lissabon viele bedenkliche Automatismen der EU- Verfassung geblockt.
Wenn wir die große Mehrheit der Bürger unseres Landes betrachten, dann müssen wir erkennen, dass sie noch nicht die Hauptmotive der ökologischen Bewegung begriffen hat. Sie glaubt immer noch, hier seine ein wenig naive Blümchen- und Tierschützer am Werk sowie solche, die eine irrationale Atomangst hätten. Und das sein natürlich ein viele zu schmales Spektrum, das reiche für eine Partei nicht aus. Im Übrigen täten ja die bisherigen Parteien auch schon einiges auf diesen Spezialgebieten. Und die etablierten Parteien selbst haben natürlich das größte Interesse daran, eine solche Mär zu verbreiten.

In den Kommentaren über unsere Partei wird es vielleicht auch wieder heißen: Man können mit einem Thema keine Politik machen. Das ist richtig! Und darum ist auch eine andere Politik auf allen Gebieten nötig. Das ergibt sich bereits daraus, dass wir unsere Politik auf eine andere Grundlage stellen, nämlich auf die ökologische, statt auf die ökonomische. Die ökologischen Gesetze, man kann auch sagen die Naturgesetze, sind zu allen Zeiten die unveränderliche Grundlage menschlichen Lebens auf Erden gewesen und werden es immer bleiben. Dass die in diesem Jahrhundert immer weniger Beachtung gefunden haben, ist Ursache dafür, dass die Welt heute am Rande des Ruins steht. Unsere furchtbare Erkenntnis ist, dass die Erde nie und nimmer sechs, acht oder gar zehn Milliarden Menschen beherbergen kann.  (Anmerkung: Über diese letzte Behauptung kann man streiten. Fakt ist, dass akut die Menschen alle ernährt werden könnten, wenn alle Ressourcen richtig eingesetzt würden und Bildung die Rüstung ersetzen würde. Unter den gegebenen politischen Verhältnissen hat Gruhl leider recht.)

Die Ursachen kommender Katastrophen liegen aber ebenso in den ökonomischen Theorien und deren rücksichtsloser Durchsetzung seitens der Menschen und ihrer Interessenverbände, ebenso durch die Parteien und Regierungen in allen Ländern der Welt. (Ich glaube, statt Menschen sollte hier Konzerne und Medien stehen.)

Vermehrung ist das Leitmotiv alles Tuns. Vermehrung der Produktion und des Pro-Kopf-Verbrauchs; Vermehrung der Energie, der Fahrzeuge und der Straßen, der Flugzeuge und Flugplätze, der Chemikalien und der Krankheiten ? Und schließlich Vermehrung der Atombomben und der Raketen (die logische Fortsetzung all der anderen Vermehrungen). Und da ist auch noch die Vermehrung des Geldes, das offensichtlich in ungeschlechtlicher Fortpflanzung sich selber zeugt.

Da es ein grundlegendes Gesetz diese Welt ist, dass jede Vermehrung irgendwo an anderer Stelle eine Verminderung nach sich zieht, befinden wir uns unweigerlich in einem Zeitalter der Verminderung. Vermindert werden nicht nur die Rohstoff- und Energievorräte unseres Planeten. Vermindert werden auch: Der fruchtbare Boden, die Pflanzendecke, die Tierwelt, die sauberen Gewässer, die reine Luft, die Stille und schließlich auch die Gesundheit. In einem atemberaubenden Tempo haben sich ferner vermindert: die traditionellen Moralbegriffe, die zwischenmenschlichen Bindungen, das Ehrgefühl, der Sinn für Kultur und schließlich auch die Religiosität.

Alle Bereiche des Lebens auf dieser Erde gehören zur Ökologie; wir leben in einem Kosmos. Alles, aber auch alles muss daher Gegenstand unserer Sorge sein, unserer Zukunfts-Vorsorge. Damit ist unser politisches Spektrum weit umfassender als das jeder anderen Partei. Es genügt nämlich nicht, die Verminderung zu bremsen, mittels Geld die Umweltschäden abzuschwächen und kulturelle Wiederbelebungsversuche einzuleiten. Es müssen vielmehr die Ursachen der Übel angegriffen werden: die Vermehrungen. Der größte Witz der letzten Jahre ist die Bekämpfung der Umweltschäden mittels einer neuen Wachstumsbranche, der Umweltindustrie.

Das neueste typische Beispiel dafür, wie immer nur die Symptome statt der Ursachen bekämpft werden, ist die heutige "Bekämpfung" der Arbeitslosigkeit. Dieses Problem von den vielen will ich hier herausgreifen und eingehender behandeln. Einmal beherrscht es zur Zeit die Diskussion, zum andren können wir daran nachweisen, dass wir auch zu aktuellen ökonomischen Problemen Aussagen zu bieten haben.

Zunächst ist einiges über die Marktwirtschaft zu sagen. Soweit diese auf einem ständigen Ausgleich von Angebot und Nachfrage beruht - und diese sich über den Preis immer wieder einpendeln können - ist die Marktwirtschaft eine nach ökologischen Prinzipien arbeitende Wirtschaftsform. Denn die Rückkopplung ist ein Prinzip der Ökologie.

Aber dieses Prinzip kann

1. auf die Dauer nicht funktionieren, wenn Ressourcen, die nicht nachwachsen, heute zu Billigpreisen verschleudert werden, so dass es sie künftig gar nicht mehr geben wird.

Und 2. kann die Marktwirtschaft nicht mehr funktionieren, wenn zur menschlichen Macht die industrielle Machtzusammenballung hinzukommt; das heißt wo eine technisch-ökonomische Monopolstellung zu einer Zusammenballung von Kapitalgütern führt, die alle Konkurrenten vernichtet. (Konkurrenten, die man im Ökosystem die ?natürlichen Feinde? nennt.)

Die Notwendigkeit der Machtbeschneidung der Unternehmungen wurde mit gutem Grund schon im 19. Jahrhundert erkannt und führte schrittweise zum heutigen westlichen Wirtschaftssystem. Dieses ist längst kein reines Marktsystem mehr, sondern ein "ökonomisches Mischsystem", weil in ihm viele gegenläufige Einflüsse wirksam sind. Darunter ist die Anti-Kartell-Gesetzgebung noch eine der unwirksamsten Kräfte. Wirksamer sind: Sozialgesetzgebung, Steuergesetzgebung, die Kapitalsteuerung über Geldmenge und Zins (besonders der Zentralbanken), die Lohnpolitik der Gewerkschaften und der Unternehmungen sowie internationale Einflüsse ? neuerdings auch die Landes- und Raumplanung und ein klein wenig sogar die Umweltgesetzgebung; infolge des Nachdrucks, den die Bürger-Initiativen für Umweltschutz ausüben. Sehr wichtig ist die Feststellung, dass in staatskapitalistischen Ländern viele dieser korrigierenden Einflüsse fortfallen. Infolgedessen ist dort die Machtzusammenballung total - und das heißt gleichzeitig: noch weiter entfernt von ökologischen Prinzipien. - Die westliche Version der eingeschränkten Marktwirtschaft hätte ihre Überlegenheit behaupten und einen höheren Grad an von Vernunft für sich beanspruchen können, wenn hier nicht die Marktwirtschaft dadurch über Bord geworfen worden wäre, indem man die "Wachstumswirtschaft" eingeführt hat. Wachstumswirtschaft und Marktwirtschaft schließen auf die Dauer einander aus! Wer das noch nicht begriffen hat, der wird es in den nächsten Jahren exemplarisch vorgeführt bekommen.

Da eine echte Marktwirtschaft tatsächlich auf den Selbstregulierungskräften von Angebot und Nachfrage beruht, muss die abnehmende Nachfrage ebenso hingenommen werden wie die steigende. Wo aber das "wirtschaftliche Wachstum" zum obersten Gesetz erhoben wird - in der Bundesrepublik Deutschland geschah dies durch das "Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft" - dort darf nicht einmal mehr die gleich bleibende Nachfrage geduldet werden. Wirtschaft und Staat müssen dann unter allen Umständen für die ständige Erhöhung der Nachfrage sorgen. Das heißt nichts anderes, als dass die Marktkräfte ausgeschaltet werden müssen, wenn sie nicht steigernd wirken. Bleibt also die Steigerung aus, dann sind Eingriffe in den Markt nicht nur erlaubt, sondern gesetzlich vorgeschrieben. Damit besteht auch kein grundsätzlicher Unterschied mehr zur Staatswirtschaft des Ostens, wo die Steigerung mit jedem Fünfjahresplan programmiert wird.

Der Unterschied ist heute der: Die Wachstums-Theorie bringt den Osten noch nicht in eine fatale Lage, wohl aber den Westen. Denn die Nachfrage ist in den kommunistischen Ländern (wie in den Entwicklungsländern) noch nicht gesättigt, wohl aber in den reichen Ländern des Westens. Diese Sättigung war längst absehbar und tritt in diesen Jahren ein. Nun zeigt sich wieder einmal die Öffentlichkeit etwas überrascht, was genauso unausweichlich kommen musste wie die Erdölverteuerung.

Zwei sich widersprechende Ziele wurden im Zeitalter der Industrialisierung gleichzeitig verfolgt. Nämlich: Menschliche Arbeitskräfte überflüssig zu machen und Arbeitsplätze für Menschen zu schaffen. Der Philosoph Günther Anders schrieb im II. Band seines Werkes "Über die Antiquiertheit des Menschen": "Wenn gewisse mitteleuropäische Politiker vorgeben, den technologischen Stand ihrer Länder deshalb steigern zu wollen, weil sie nur dadurch Vollbeschäftigung gewährleisten können, dann sind sie entweder denkunfähig oder Volksbetrüger. Man kann nicht höchste Rationalisierung, die die Zahl der erforderten Arbeiter senkt, und Vollbeschäftigung zugleich auf ein Programm setzen. Nirgends außer in der Politik dürfte man sich einen derartigen logischen Schnitzer erlauben. Die Dialektik von heute besteht in diesem Widerspruch zwischen Rationalisierung und Vollbeschäftigung. Dies offen zuzugeben, das bringt kein Politiker über sein Parteiherz."

Der lang verdrängte Widerspruch liegt nun offen zutage. Seit Jahren ist das "wirtschaftliche Wachstum" kein Eigenziel mehr, sondern dient als Mittel zu dem Zweck, wegrationalisierten Arbeitskräften neue Arbeitsplätze zu "schaffen". Für diese neuen und erhöhten Produktionen braucht man aber auch den alle Jahre höheren Konsum. Aber der kann im Zeitalter der Sättigung nicht mehr ansteigen. Infolgedessen liegen die Produktionskapazitäten vieler Branchen in den meisten Industrieländern teilweise still, weil sie auf viel zu große Zuwachsraten ausgelegt worden waren.

Die Rationalisierung setzt Jahr für Jahr weitere Arbeitskräfte frei. Um diesen wieder Arbeit zu vermitteln, braucht man nun das "wirtschaftliche Wachstum" nicht mehr auf Grund steigenden Konsums. Würde der Konsum von selbst steigen, dann wäre dies ein marktwirtschaftlicher Vorgang. Die Unternehmer würden daraufhin investieren. Aber wer investiert Geld in Arbeitsplätze aufs Geratewohl? Wer produziert Güter, deren Konsum in Wirklichkeit gar nicht erwartet werden kann? Die Unternehmer gewiss nicht, denn sie werfen ihr Geld zum Fenster heraus. Also sieht sich jetzt der Staat genötigt, höhere Produktionen zu erzwingen, indem er das Geld zum Fenster hinauswirft. Das geschah in der Bundesrepublik Deutschland schon 1967 und 1975/76. Die damals entstandene Verschuldung ist aber nun so hoch, dass die öffentliche Hand nichts mehr in der Hand hat, was sie aus dem Fenster werfen könnte. Staatlich verfügbares Kapital ist also nicht vorhanden, infolgedessen muss es erst den Leuten aus der Tasche gezogen werden. Weil aber kein ernsthafter Bedarf für Dinge vorhanden ist, für die man ein Arbeitsplatz-Programm auflegen könnte, spricht man nun entlarvender Weise von einem "Beschäftigungs-Programm". Das Wort drückt korrekt aus, dass es nicht mehr um notwendige oder sinnvolle Produktionen geht, sondern darum, die Leute zu "beschäftigen". Das ist die Endstation der ökonomischen Weisheit: von der Marktwirtschaft über die Wachstumswirtschaft zur Beschäftigungswirtschaft!

Über die Art und Weise der Beschäftigungswirtschaft zerbrechen sich im Jahre 1982 die Politiker und die Ökonomen erfolglos den Kopf. Und das ehrt sie geradezu, denn bisher haben sie sich selten den Kopf zerbrochen. Aber sie zerbrechen sich immer noch nicht den Kopf über die grundsätzliche Problematik der heutigen Welt, sondern nur darüber, wie sie auf Entwicklungen, von denen sie sich sträflicherweise überraschen ließen, schnellwirkende Drogen ansetzen könnten, die wenigstens bis zur nächsten Wahl etwas Wirkung zeigen. Es geht wie früher um die Bekämpfung der Symptome, nicht der Ursachen der Krankheit, die stehen noch nicht einmal zur Diskussion. Infolgedessen geht der Streit zur Zeit nur darum, welches wohl die wirksamste Droge wäre, die noch dazu möglichst nichts kosten darf, denn Geld ist nicht vorhanden; es sei denn, man druckt es. Auch das wird vorgeschlagen. Die Kernfrage lautet, was in aller Welt zusätzlich produziert werden könnte, das die Leute dann auch kaufen. Den Unternehmern ist bisher kaum etwas eingefallen. Also muss sich der selten einfallsreiche Staat etwas einfalle lassen - und danach sieht es dann auch aus. Die alten Ladenhüter werden hervorgeholt. Die einen sagen: Hohe Gewinne und niedrige Zinsen sowie weniger Steuern für die Unternehmer, dann werden diese schon investieren. Die andern sagen: Hohe Löhne und niedrige Steuern für die Arbeitnehmer, dann werden diese schon wieder mehr kaufen.

Im Jahr 1981 sind diese zwei entgegengesetzten Modelle angelaufen. Das eine in den USA unter Reagan, das andere in Frankreich unter Mitterand. Das eine will Wachstum über die Unternehmer erreichen, wie das in der Bundesrepublik Deutschland die CDU/CSU will und die FDP wollen müsste - das andere über den Staat, wie es guter sozialistischer Tradition entspricht. Die Sozialisten misstrauen den Unternehmern mit Recht, dass diese sinnlose Investitionen tätigen würden. Darum ist für sinnlose Investitionen der Staat immer noch der verlässlichste Bauherr. Wo es um zusätzliche Straßen, Kanäle, Flugplätze, Kernkraftwerke, Sporthallen und Schwimmbäder geht, kann die Regierung (damals Helmut Schmidt, SPD/ FDP)  sogar mit dem Beifall der CDU/CSU rechnen; denn die Vermehrung ist das Ziel, nicht die Befriedigung des Bedarfs. Wir werden in den nächsten Jahren Zeuge sein, welches Modell früher scheitert, das à la Reagan oder das à la Mitterand.

Was die Bundesrepublik Deutschland betrifft, so bleibt es, da weiter rationalisiert wird, selbst bei 4 Prozent jährlichem Wachstum bei der jetzigen Arbeitslosigkeit. Dieser Ansicht ist jedenfalls das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft. Ein reales Wachstum von 4 Prozent bedeutet aber die Verdopplung des Bruttosozialprodukts in 17,5 Jahren! Diesen Wahnsinn verbieten die schwindenden Ressourcen ebenso wie die schwindende Umwelt! Die hochrationalisierte menschliche Arbeit im industriellen System vernichtet alle wertvollen Bestände dieser Erde in kürzester Zeit. 

"Der Hunger des Menschen wird die Erde verzehren und er wird nur eine Wüste zurücklassen," das sagte der Indianerhäuptling Seattle im Jahre 1854. 

Zu dieser Stimme aus einem Naturvolk kommen neuerdings gleichgerichtete aus dem christlichen Bereich: "Es ist deshalb falsch, durch das künstliche Hervorlocken immer neuer, überflüssiger, ja schädlicher materieller Bedürfnisse die Vollbeschäftigung erreichen und sichern zu wollen. Die Wirtschaftspolitik wird nach Wegen suchen müssen, wie ohne die Zwangsläufigkeit eines schrankenlosen Wirtschaftswachstums die Arbeitslosigkeit überwunden werden kann." Dies sagte der Kardinal Höffner 1980, als die Deutsche Bischofskonferenz ihre Erklärung zu Fragen der Umwelt und der Energieversorgung unter dem Titel "Zukunft der Schöpfung - Zukunft der Menschheit" veröffentlichte. Im gleichen Jahr hatte der jetzige Papst die Enzyklika Redemptor Hominis verkündet: "Wir scheinen uns heute wohl der Tatsache mehr bewusst zu sein, dass die Nutzung der Erde, jenes Planeten, auf dem wir leben, eine vernünftige und gerechte Planung erfordert. Gleichzeitig aber bewirken diese Nutzung zu wirtschaftlichen und sogar militärischen Zwecken, diese unkontrollierte Entwicklung der Technik, die nicht eingeordnet ist in einen Gesamtplan eines wirklich menschenwürdigen Fortschritts, oft eine Bedrohung der natürlichen Umgebung des Menschen, sie entfremden ihn in seiner Beziehung zur Natur, sie trennen ihn von ihr ab. Der Mensch scheint oft keine andere Bedeutung seiner natürlichen Umwelt wahrzunehmen, als allein jene, die den Zwecken eines unmittelbaren Gebrauchs und Verbrauchs dient. Dagegen war es der Wille des Schöpfers, dass der Mensch der Natur als Herr und besonnener weiser Hüter und nicht als Ausbeuter und skrupelloser Zerstörer gegenübertritt" Johannes Paul II. fährt dann fort: "Der Mensch kann nicht auf sich selber verzichten noch auf den Platz, der ihm in der sichtbaren Welt zukommt; er darf nicht Sklave der Dinge, Sklave der Wirtschaftssysteme, Sklave der Produktion, Sklave der eigenen Produkte werden. Eine Zivilisation von rein materialistischem Charakter verurteilt den Menschen zu solcher Sklaverei."

Wohin eine Zivilisation des reinen Materialismus führt, erleben wir in diesen Jahren. Geld ist zum universalen Tausch- und Schmiermittel für alles und jedes geworden. Parteien betrügen das Finanzamt, und mit dem gewonnenen Geld betrügen sie den Wähler propagandistisch. Ganz legal nehmen Minister diverse Aufsichtsratssessel ein, das heißt, sie lassen sich die Tätigkeit für eine Firma bezahlen, während sie gleichzeitig vom Staat dafür besoldet werden, dass sie unter anderem die gleiche Firma überwachen. Gemeinnützige Unternehmungen sind mehr gemein als nützlich; aber immerhin sehr nützlich für einige, die sonst wohl gar nicht wüssten, wo sie ihre Arbeitnehmergehälter gewinnbringend anlegen sollten. Sie sind Sklaven des Kapitals, dessen Anlage für wirtschaftliches Wachstum von der Steuergesetzgebung als Gott wohlgefällige Tat belohnt wird.

Ich will damit sagen, ohne neue Wertsetzungen kommt der Mensch nicht aus seiner Krise heraus, denn sie ist erst in zweiter Linie eine ökonomische, in erster Linie ist sie eine moralische und kulturelle. Die sozialistischen, die liberalen und die christlichen Parteien der Nachkriegszeit haben sich aus nackter Opportunität dem materialistischen Zeitgeist ergeben; schlicht und einfach darum, weil sich alle ergaben, die Wähler inbegriffen. In den Parteien der Nachkriegszeit, ob rechts oder links, herrschte sogar eine panische Angst, nicht "auf der Höhe der Zeit" zu sein. Ihr Ziel war es, dem Fortschritt immer einen Schritt vorauszueilen und das den Wählern zu demonstrieren. Damit wurde aber ein irriges Leitbild aufgestellt und propagiert: der unersättliche homo consumens. Keine Kultur der Geschichte hat ein so niedriges Leitbild geschaffen wie die Nachkriegszeit. Und dieses Leitbild fand weltweite Verbreitung.

Das ist der Irrtum leider auch vieler derjenigen, die sich heute grün nennen, dass die Welt mit materiellen Dingen, mit Gesetzen und neuen Institutionen zu retten sei. "In vielen Köpfen spukt der Wunschtraum einer Alternative nach Art des Schlaraffenlandes, die uns Komfort und Konsum ebenso beschert wie die moderne Technik, nur eben mit vermeintlich gesunden, umweltfreundlichen Mitteln. Diese Leute wollen keine Umkehr zur Natur und Einfachheit, sondern sie wollen Fortschritt und Technik, nur eben in ihrer Geschmacksrichtung, das heißt ohne Schädigung der Natur. Sie wollen Üppigkeit nach neuen Methoden. Auch die Wissenschaftler, Techniker und Manager, nur eben grün verkleidet." Dies schrieb Gerhard Schöner, der selbst echt alternativ lebt, und urteilt: Ich halte dieser Richtung für besser als die umweltfeindliche der heutigen Mächte, aber dennoch für verfehlt "Das Schlaraffenland macht krank."

Das ist der Punkt, der uns radikal von denen trennt, welche die freizügigen Versprechungen der Partei "Die Grünen" verbreiten. Nicht die materielle Steigerung kann das Ziel sein, sondern der materielle Verzicht, wobei der geistigen Steigerung keine Grenzen gesetzt sind. Nicht die weitere Verwöhnung der Menschen kann unser Ziel sein, sondern die Entwöhnung. Nicht mehr Lohn-Arbeit, sondern weniger und solidarische Teilung der Arbeitsplätze bei gerechtem Lohn, der in der Regel geringer ausfallen wird. Natürlich werden Reiche in einer Gleichgewichtswirtschaft mehr einbüßen als andere; denn es kann keine Gemeinschaft und kein Volk geben, in dem die einen auf Kosten der anderen leben.

Hier gelten für uns die Grundsätze, die zu recht auch christlich genannt werden können. Das verbindet uns aber nicht mit den Parteien, die sich heute in Europa christlich nennen; denn diese haben mit Christi Lehre genauso wenig gemeinsam wie die alljährliche weihnachtliche Konsumorgie mit Christi Geburt in der Krippe. Hätten so genannte christliche Politiker die Bibel gelesen, dann wären sie bei Matthäus 6, Vers 24, auf den Satz gestoßen: "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon". Für uns ziehe ich den Schluss: Wollen wir uns lieber nicht christlich nennen, sondern christlich handeln! Dagegen sollten wir keine Scheu zeigen, uns konservativ zu nennen. Denn konservativ sein heißt bewahren wollen. Wir wollen unsere Umwelt bewahren, die Natur und damit unsere Mutter Erde. Das heißt auch, dass wir uns mit den Gegebenheiten dieser Erde abzufinden haben, dass wir uns der Ambivalenz allen Geschehens bewusst sein müssen, das sich in ewiger Wiederkehr abspielt. Konservativ sein heißt, dem Lebendigen den Vorzug vor dem Mechanischen zu geben.

Albert Schweitzers philosophisches und theologisches Zentralanliegen war seit 1915 die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. "Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und das des Tieres wie das des Menschen, heilig ist, und es sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt." Seine Auffassung weicht von der bisherigen christlichen insoweit ab, als er uns allen nicht nur die Verantwortung gegenüber den Mitmenschen, sondern sämtlichen Lebewesen gegenüber auferlegt. Die Verantwortung entspringt der natürlichen Ehrfurcht, die dem Menschen angeboren ist und nun durch sein tieferes Nachdenken bestätigt wird. Albert Schweitzer war überzeugt, dass diese Ethik sich durchsetzen werde, wenn auch nach seinem Tode.

Doch es geht nicht nur um die gesamte lebendige Mitwelt im Raum, die Dimension der Zeit ist ebenfalls einzubeziehen. Damit ist die Frage gestellt, inwieweit die gerade lebende Generation das Recht hat, unwiderrufliche Entwicklungen in Gang zu setzen, die kommende Generationen in ihrer gesamten Existenz gefährden und ihnen andere Entscheidungen unmöglich machen. Der Philosoph Robert Spaemann urteilt: "Die späteren Generationen müssen die Möglichkeit haben, unsere Spuren entweder zu beseitigen oder das was wir ihnen hinterließen, wiederum zu transformieren in das, was ihnen gut scheint. Wir müssen Substanzen hinterlassen, die weiterhin solche Transformationen möglich machen, und dies ohne Spekulation auf ungeahnte technische Fortschritte." Das zweite aber ist dies: Wir haben nicht das Recht, über die Gefahren hinaus, die der Natur innewohnen - Erdbeben, Vulkanausbrüche, Wirbelstürme - durch unsere Transformation von Materie zusätzliche Gefahrenquellen in unseren Planeten einzubauen. In der bisherigen Geschichte des Menschen gab es solche Gefährdungen nicht. Die Fernwirkung ergibt sich jetzt automatisch auf Grund der Strukturen der heutigen Technik. Die Entscheidung für die Kernenergie zum Beispiel ist eine Entscheidung für unzählige Generationen; diese werden keinen Nutzen mehr aus dem Atomstrom haben, aber die radioaktiven Abfälle mit allen Komplikationen "erben", ob sie wollen oder nicht. Dies ist leider nicht der einzige gravierende Bereich. Die im Stile der Industrie arbeitende Landwirtschaft beutet heute die Böden kurzfristig aus, indem sie Chemikalien aller Art einsetzt und damit das Bodenleben abtötet. Die letzten großen Urwälder der Erde werden in einem atemberaubenden Tempo für einige wenige Ernten geopfert, das Klima dadurch langfristig geschädigt, so dass künftige Ernten in noch viel größeren Gebieten ausfallen werden. Die Gewässer bis hin zu den Weltmeeren werden verschmutzt und vergiftet (auch durch Versenken radioaktiver Abfälle), so dass künftige Generationen kaum noch Nahrung aus dem Meer gewinnen werden. Die heutige Energieerzeugung und noch mehr ihre ständige Steigerung entscheidet über Klima und Luftzusammensetzung künftiger Jahrzehnte.

Die lange Kette unserer Vorfahren hat niemals das Leben der Nachfahren so unwiderruflich vorbelastet, wie wir das in wenigen Jahren tun. Ob sie das damals mit Bedacht oder unwissentlich vermieden, bleibt unwichtig. Wir wissen heute, dass wir Unwiderrufliches tun. Für uns gilt deshalb das Wort des Philosophen Lichtenberg: "Nicht bloß wissen, sondern auch für die Nachwelt tun, was die Vorwelt für uns getan hat, heißt ein Mensch sein." Das wesentliche, was wir heute für die Nachwelt tun können und tun müssen, besteht im Unterlassen.

Eine konservative Ethik muss heute künftige Erfordernisse einbeziehen - und das werden die gleichen sein, denen der Mensch in seiner ganzen Geschichte nachkommen musste. Wir werden einer ökologischen Ethik folgen müssen. Darunter verstehen wir mit Willis Harman: "Wenn der Mensch sich mit dem Ganzen der Natur identifiziert, wenn er einsieht, dass er ein Teil der Gemeinschaft ist, die der Planet und alle seine Lebensformen darstellen, und dass er ein Teil der riesigen evolutionären Prozesse im Ablauf der Zeit ist, dann wird er von einer Ökologischen Ethik ergriffen, die sein eigenes Selbstinteresse mit dem der Mitlebenden und der künftigen Generationen und mit allem Leben auf dem Planeten in Verbindung bringt. Eine solche Ethik erkennt die Grenzen der verfügbaren Naturschätze einschließlich des Lebensraumes und begreift, dass der Mensch ein integraler Bestandteil der Natur ist, untrennbar von ihr und den Gesetzen, die sie regieren. Diese Ethik ruft den Menschen auf, in Übereinstimmung mit der Natur zu handeln, indem er die komplexen lebenserhaltenden Systeme des Planeten beschützt, die Rohstoffe haushälterisch verbraucht." 

Eine solche Ethik ist mehrmals in der Vergangenheit sowohl von alten Philosophen, von Lao Tse bis zum Heiligen Franziskus und Mahatma Gandhi gefordert worden. Ihre grundlegenden Aussagen entsprechen den vorwissenschaftlichen Anschauungen vieler sogenannter primitiver Völker. Es ist eine Ethik, die nicht nur durch die modernen wissenschaftlicher Einsichten in die Voraussetzungen eines weiteren menschlichen Lebens auf Erden, sondern auch durch die meisten bekannten kulturellen und religiösen Systeme gestützt wird. Dies stimmt mit dem Satz des französischen Philosophen Henri Bergson überein: "Wir wollen also dem Wort Biologie den sehr weiten Sinn geben, den es haben sollte, den es vielleicht einmal erhalten wird, und abschließend sagen: alle Ethik ist biologischer Natur."

Daß sich die Verantwortung des Menschen jetzt auf den Zustand der gesamten Biosphäre auszudehnen hat, ergibt sich schlicht und einfach aus der Ausweitung seiner Macht, die sich nun als Macht der Zerstörung manifestiert. Ein alter konservativer, Winston Churchill, hat 1932, also genau vor 50 Jahren vorausgesehen: "Und mit den Hoffnungen und Kräften werden Gefahren kommen, zu denen das Wachstum des menschlichen Intellekts, die Stärke seines Charakters oder die Brauchbarkeit seiner Einrichtungen in keinem Verhältnis mehr stehen werden." Das Schauspiel, das wir vor uns haben, zeigt uns einen Menschen mit Kräften und Waffen, die der Entwicklung seiner Intelligenz weit vorausgeeilt sind; und wir sehen, dass seine Intelligenz sich weitaus rascher entfaltet, als sein Edelmut sich entwickelt. -

Darum ist es vor allem wichtig, dass die Moralphilosophie und die geistigen Begriffe der Menschen und der Nationen inmitten dieser erschreckenden Entwicklungen der Wissenschaft standhalten. Es wäre viel besser, dem materiellen Fortschritt und den Entdeckungen Einhalt zuzurufen, als uns von unseren eigenen Instrumenten und den Kräften, die sie leiten, beherrschen zu lassen. Dieses Zitat verdeutlicht den schamlosen Verrat der wahren konservativen Gesinnung von seiten der angeblich "konservativen" und "christlichen" Parteien der Nachkriegszeit. Die sind bar der Ethik, von Religion ganz zu schweigen; es sei denn, man lasse die Ökonomie als Religion gelten. Eine gespenstige Aufführung, die sich jetzt dem Ende zuneigt, wenn sie auch hier und da noch einmal aufflackert. Die Wachstumstheorie, welche dieser Politik zugrunde liegt, verstößt gegen die Naturgesetze. Dennoch sind noch alle Regierungen von diesem Wahn besessen, ob in Washington, Moskau, Tokio, Paris oder Bonn - und letztlich auch in Peking. Überall wird am babylonischen Turm weiter gearbeitet, wenn auch teilweise nur noch aus Angst vor den Folgen einer Baueinstellung. "So kommt es zu den Lähmungen, die gerade unsere Meinungsführer und Politiker produzieren. Nirgends wird ein solcher Verdrängungsdruck von den Menschen ausgeübt, wie bei Entscheidungen, die fundamentale Veränderungen bewirken." Dies schrieb der protestantische Bischof Hans-Otto Wölber zur Weihnacht 1979 und führte weiter aus: "Wenn wir also die alten Geschichten richtig verstehen, dann müssten wir in Richtung auf die Arche handeln und nicht in Richtung auf den Turmbau. Unser Forschen und unsere Technik müssten der Idee der Bewahrung und nicht der Idee er Ermöglichung unterworfen werden. Solange jemand etwas bewirkt und nicht übersieht, ob es schützt, bewahrt, fördert, schont soll er moralisch disqualifiziert sein. Es bedarf eines neuen kategorischen Imperativs. Für alles Wachstums sei die Maxime: Bewirke nie etwas, was mit seinem Nutzen nicht die Risiken, die es in dieser Welt gibt, vermindert! Das Mysterium der Schöpfung verlangt von uns eine Ethik im Rahmen des technisch-wissenschaftlichen Wahrheitsbewusstseins. Niemals sollte der funktionale Fortschritt unser höchster Wert sein. Partiell wird es wohl um eine asketische Kultur gehen, also um Übereinkünfte angesichts von Grenzen. Unsere Sympathie für diese Erde sollte jedenfalls unsere Demut und unsere Verzichte einschließen. Auch müsste etwas dabei sein vom franziskanischen Ideal: Alle Kreatur ist Bruder und Schwester." Das ist die Botschaft, die wir zu verkünden haben, die wir verkünden müssen - auch wenn sie jetzt nur wenige hören wollen.

Unter den Gesichtspunkten der Ökologie und der Ethik, angesichts der biologischen und psychologischen Folgen für den Menschen ergibt sich für die derzeitige Wirtschaftsweise des Menschen ein verheerendes Urteil. Wenn man auch noch deren höchst mangelhaften ökonomischen Nutzen in die Bewertung einbezieht, dann dürfte das bevorstehende Ende des totalitären ökonomischen Zeitalters keinen Schrecken verbreiten. Katastrophaler ist vielmehr die Tatsache, dass die fatale Politik des ökonomischen Raubbaus mit aller Gewalt weiter betrieben wird. Ich kann mich den Worten der englischen Dichterin Doris Lessing anschleißen, die im Mai vorigen Jahres in einem Interview sagte: "Was unsere Politiker angeht, so würde ich nicht mit Platon fordern, dass wir von Philosophen regiert werde sollten. Aber unsere Politiker müssten Menschen sein, die etwas mehr Weitblick besitzen, als sie wirklich haben- Hoffnungen, lauter Hoffnungen, ich weiß. Aber so lange der Zeiger nicht wirklich auf Mitternacht steht, will ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie Erde noch eine Weile weiterlebt."
So wollen auch wir, liebe Freunde, die Hoffnung nicht aufgeben und beharrlich weiterarbeiten für die Zukunft unseres Landes und der Welt.

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