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Dienstag, 19. April 2011

Ursachen der ökologischen Krise - Kulturkritik in den 80er Jahren

Dieser Text erscheint demnächst in der ÖDP- Zeitschrift ÖkologiePolitik (ÖP) 150

 Ende der 1970er-Jahre entwickelte sich weltweit ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Bedrohtheit unserer Umwelt. Zahlreiche Intellektuelle befassten sich mit der Thematik und veröffentlichten dazu bemerkenswerte Bücher, die auch heute noch eine lohnende Lektüre darstellen.
 Von Günther Hartmann, Chefredakteur der ÖP
-----Erich Fromm: Haben oder Sein, 1979
-----Christopher Lasch: Das zeitalter des Narzissmus, 1986
-----Hanspeter Padrutt: Der epochale Winter, 1984
Klimawandel, Finanzkrise und nuklearer GAU haben eins gemeinsam: Sie sind keine Naturkatastrophen, sondern das Ergebnis menschlichen Handelns. Natürlich spielt unser ohne Wachstum nicht funktionierendes Wirtschaftssystem eine entscheidende Rolle, aber auch ein Wirtschaftssystem ist nichts Naturgegebenes, sondern etwas Menschengemachtes. Und weil es von Menschen gemacht ist, wäre es bei entsprechendem Willen veränderbar. Doch der Wille fehlt – und das hat Gründe, die im Menschen selbst liegen. Die menschliche Psyche und Kultur sind ein Schlüssel zum Verständnis unserer ökologischen Probleme – und zu ihrer Lösung.

Erich Fromm: Haben oder Sein, 1979

In seinem Spätwerk stellt der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Erich Fromm zwei konträre Persönlichkeitstypen dar: den „haben-orientierten Menschen“ und den „seins-orientierten Menschen“. Beim „Haben“ geht es um Besitz, Macht und Kontrolle. Diese Daseinshaltung spiegelt sich in allen Lebensbereichen wieder, so z.B. beim Lernen, Erinnern, Miteinander-Sprechen, Lesen, Autorität-Ausüben, Wissen, Glauben und Lieben. Das „Sein“ ist für Fromm Kreativität, Freiheit und kritische Vernunft. „Während sich der Haben-Mensch auf das verlässt, was er hat, vertraut der Seins-Mensch auf die Tatsache, dass er ist, dass er lebendig ist, und dass etwas Neues entstehen wird, wenn er nur den Mut hat, loszulassen und zu antworten.“

Während das „Sein“ für Fromm Leben bedeutet, gehört das „Haben“ in den Bereich des Toten. „In der Existenzweise des Habens gibt es keine lebendige Beziehung zwischen mir und dem, was ich habe. Es und ich sind Dinge geworden, und ich habe es, weil ich die Möglichkeit habe, es mir anzueignen. Aber es besteht auch die umgekehrte Beziehung: Es hat mich, da mein Identitätsgefühl bzw. meine psychische Gesundheit davon abhängt, es und so viel wie möglich zu haben. Die Existenzweise des Habens wird nicht durch einen lebendigen, produktiven Prozess zwischen Subjekt und Objekt hergestellt. Sie macht Subjekt und Objekt zu Dingen. Die Beziehung ist tot, nicht lebendig.“

Fromm geht es nicht um Besitz an sich, sondern um einen aus dem Inneren kommenden Zwang: um eine Neurose. Die ist gesellschaftlich bedingt, vor allem durch unser Wirtschaftssystem. Er unterzieht deshalb die Marktwirtschaft einer radikalen Kritik, da sie das Neurotische zum Normalen erhoben hat. Sie kann ohne das krankhaft übersteigerte Haben-Wollen des Einzelnen als System nicht existieren und fördert es deshalb nach Kräften.

Unser Wirtschaftssystem verformt den Menschen und macht ihn krank. Eine Systemveränderung ist deshalb für Fromm unumgänglich. „Wenn Menschen jemals frei werden, das heißt dem Zwang entrinnen sollen, die Industrie durch pathologisch übersteigerten Konsum auf Touren zu halten, dann ist eine radikalte Änderung der Wirtschaft von nöten: dann müssen wir der gegenwärtigen Situation ein Ende machen, in der eine gesunde Wirtschaft nur um den Preis kranker Menschen möglich ist. Unsere Aufgabe ist es, eine gesunde Wirtschaft für gesunde Menschen zu schaffen.“

Am Ende seines Buchs entwirft Fromm in groben Zügen das Bild einer solchen Gesellschaft. Seine Hoffnung ist die „energiespendende Kraft, die von einer neuen Vision ausgeht. Diese oder jene Reform vorzuschlagen, ohne das System von Grund auf zu erneuern, ist auf lange Sicht gesehen sinnlos, denn solchen Vorschlägen fehlt die mitreisende Kraft einer starken Motivation.“

Christopher Lasch: Das zeitalter des Narzissmus, 1986

Für den amerikanischen Historiker Christopher Lasch ist der Frommsche „Haben-Mensch“ schon mehr oder weniger durch einen anderen Charaktertyp verdrängt und abgelöst: den Narzissten. Der versucht nicht mehr, Halt im Leben durch Besitz und Kontrolle zu erlangen, sondern hat sich auf sich selbst zurückgezogen und dreht sich nur noch um seine eigene Ich-Achse.




Lasch nennt sein Buch „die Beschreibung eines niedergehenden Lebensstils – der Kultur des vom Konkurrenzdenken geprägten Individualismus, der die Logik des Individualismus ins Extrem eines Krieges aller gegen alle getrieben und das Streben nach Glück in die Sackgasse einer narzisstischen Selbstbeschäftigung abgedrängt hat.“ In seiner umfangreichen Analyse der amerikanischen Gesellschaft deckt er die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Mechanismen auf, die narzisstische Störungen beim Einzelnen entstehen lassen, fördern und belohnen.

Die so entstehende Persönlichkeitsstruktur und ihr Lebensgefühl: „Sie wird nicht von Schuldgefühlen geprägt, sondern von Ängsten; sie ist unfähig, politische oder soziale Bindungen einzugehen oder Verantwortung zu übernehmen; sie verlangt nach unverzüglicher Befriedigung ihrer Wünsche und lebt in einem Zustand ewig unbefriedigten Begehrens; sie ersetzt religiöses durch therapeutisches Denken und sehnt sich nicht nach der Errichtung eines Goldenen Zeitalters, sondern nach dem Empfinden, nach der momentanen Illusion von persönlichem Wohlbefinden, von Gesundheit und seelischer Geborgenheit.“

Da es der narzisstischen Persönlichkeit „an jeder wirklichen geistigen Auseinandersetzung mit der Welt fehlt, bleibt sie von anderen abhängig, deren Bewunderung und Anerkennung sie unentwegt braucht“. Die Folge ist auch der Verlust eines historischen Bewusstseins: „Für den Augenblick zu leben, für sich selbst, und nicht für die Vorfahren und Nachwelt, das ist die heute vorherrschende Passion. Das Gefühl einer historischen Kontinuität, das Wissen, in einer Folge von Generationen zu stehen, die aus der Vergangenheit kommen und in die Zukunft weiterführen, geht immer mehr verloren.“

Der heutige Mensch leidet nicht mehr an den klassischen Neurosen, wie Freud sie entdeckte und beschrieb, sondern klagt „über vage, diffuse Unzufriedenheit mit dem Leben und empfindet sein formloses Dasein als sinnlos und ohne Ziel“. Die Patienten psychotherapeutischer Behandlungen leiden oft „an Hypochondrie und klagen über ein Gefühl innerer Leere. Zugleich unterhalten sie Phantasien eigener Allmacht und die feste Überzeugung, andere ausbeuten zu dürfen und ein Recht auf die Erfüllung aller eigenen Wünsche zu haben“. Außerdem sind sie „stark geängstigt von Alter und Tod“.

Lasch schildert den Wandel der Arbeitsethik in der amerikanischen Geschichte von den Puritanern des 18. Jahrhunderts bis zum heutigen Selbstverständnis. Dale Carnegie und Norman Vincent Peale, die Väter des Positiven Denkens, „priesen die Liebe zum Geld, die sogar von den krudesten Materialisten des 19. Jahrhunderts offiziell verurteilt worden war, als nützlichen Anreiz“. Neuere Erfolgsleitfäden unterscheiden sich darin, „dass sie sich für die inhaltliche Qualität des Erfolgs überhaupt nicht mehr interessieren und unverblümt betonen, dass Äußerlichkeiten – Erfolgsimages – mehr zählen als die eigentliche Arbeit, dass es wichtiger ist, für erfolgreich gehalten zu werden, als etwas zu leisten“.

Das hat fatale Konsequenzen: „In einer Gesellschaft, die den Erfolg jeder weiteren Bedeutung beraubt hat, haben die Menschen kein Kriterium mehr, an dem sie ihre Leistung messen könnten – außer der Leistung der anderen. Heute wollen die Leute nicht aufgrund dessen geschätzt werden, was sie getan und geleistet haben, sondern aufgrund persönlicher Eigenschaften. Sie möchten eigentlich nicht geachtet, sondern vielmehr bewundert werden. Sie wollen keine Ehre, sie wollen beneidet werden. Stolz und Habsucht, die Sünden des frühen Kapitalismus, haben eitler Selbstgefälligkeit Platz gemacht.“

Wenn es aber nur noch darum geht, Bewunderung zu erregen, schwindet der Wirklichkeitssinn. Einer Studie über 250 Manager zeigte, dass die vor allem das aufregende Gefühl erleben wollen, Siege zu erringen. Ihre größte Befürchtung ist, als Verlierer dazustehen. Der Kampf mit Kollegen ist wichtiger als sich an einer sachbezogenen Aufgabe zu messen.

Eine entscheidende Rolle spielt die Werbeindustrie: „Werbung dient nicht so sehr dazu, für ein Produkt zu werben, als den Konsum als Lebensstil zu propagieren. Sie erzieht die Massen zum unersättlichen Hunger auf Konsumgüter wie auf neue Erfahrungen und persönliche Lebenserfüllung. Die Werbung verkündet Konsum als die Lösung für uralte Probleme wie Einsamkeit, Langeweile, Krankheit und mangelnde sexuelle Befriedigung. Zugleich schafft sie neue Formen von Unzufriedenheit. Sie treibt ein verführerisches Spiel mit dem Unbehagen an der Industriekultur.“

Die Manipulation ist subtil: „Die Gebrauchsgüterwerbung hat eine doppelte Funktion. Einmal preist sie Konsum als Alternative zu Protest und Rebellion an. Zum anderen macht die Verherrlichung des Konsums die Entfremdung selbst zur Ware. Sie wendet sich gegen die geistige Öde des modernen Lebens und legt Konsum als Heilkur nahe. Sie verspricht nicht nur, die alten Leiden zu lindern; sie schafft oder verschärft gleichzeitig neue Leiden und institutionalisiert den Neid und die ihn begleitenden Ängste.“

Lasch deckt in seinem Buch das Phänomen des Narzissmus in praktisch allen gesellschaftlichen Bereichen auf: in der Politik, Literatur, Theater, Film, Sport, Esoterik und vielem mehr. Während seine Analysen brillant und messerscharf sind, gibt er seiner Hoffnung nur in vagen Andeutungen Ausdruck: „Der Wille, eine bessere Gesellschaft aufzubauen, bleibt bestehen. Nur die Vision einer neuen Gesellschaft, einer annehmbaren Gesellschaft, ist nötig, um ihm neuen Nachdruck zu verleihen.“

Hanspeter Padrutt: Der epochale Winter, 1984

Der schweizerische Daseinsanalytiker Hanspeter Padrutt bietet einen umfassenden Rundgang durch die wichtigsten Publikationen der Umweltbewegung. Er stellt dabei immer die Frage „Kann eine solche Weltanschauung genügen?“ und untersucht die Weltbilder von Physikern, Chemikern, Biologen, Kybernetikern, Verhaltensforschern, Psychoanalytikern, Philosophen und Theologen. Er klopft sie auf ihre Lücken und Mängel ab, und kommt schließlich zum Ergebnis, dass das Verlangen nach einem festen, geschlossenen Weltbild selbst der Kern des Problems ist. Als Konsequenz fordert er eine Änderung der Grundhaltung: „Weniger Welt-Anschauung und mehr Welt-Anhörung!“

Ausgehend von Hans Jonas „Prinzip Verantwortung“ entwirft er die Grundlagen einer ökologisch orientierten Ethik. Eine Grundforderung Padrutts: Umdenken. In Anlehnung an Martin Heidegger betrachtet er Denken als Wanderschaft, als Unterwegs-Sein. Umdenken ist dann eine scharfe Kurve, eine Kehre, „weg von der verzweifelten, kurzsichtigen Hybris des perspektivisch objektivierenden Subjekts hin zur schmerzlich-heiter-mutig-gelassenen zuvorkommenden Zurückhaltung“.

Die hätte dann aber gewaltige Änderungen des Handelns zur Folge. Und das ist notwendig, denn „es ist nicht, wie manche Optimisten uns weismachen wollen, fünf vor zwölf, die Sturzfahrt längst im Gange, und unsere erste Frage hätte nicht die zu sein, was wir in dieser Lage anzufangen hätten, sondern die: womit wir sofort aufzuhören hätten, auf der Stelle und um beinahe jeden Preis“.

Die Voraussetzung für Umdenken ist Denken: Nachdenken über die eigene Existenz und die Existenz der Welt. Die entscheidende Frage lautet: „Warum existiert überhaupt etwas und ist nicht nichts?“ Darauf gibt es zwar keine Antwort, doch sie führt weiter zu einer anderen Frage: „Soll denn überhaupt etwas sein oder wäre es nicht besser, wenn nichts wäre?“ Und die lässt sich durchaus beantworten. Allerdings muss das jeder für sich selbst tun. Die bewusste Antwort jedoch verändert das Leben radikal. Der „Schrecken des Abgrundes“ verwandelt sich bei einem Ja in das „Wunder aller Wunder“. Aus der existenziellen Entscheidung, dass etwas sein solle und nicht nichts, erwächst die Liebe zum Leben, zur Welt und der Widerstand gegen ihre Zerstörung.

Trotz tiefschürfender philosophischer Überlegungen handelt es sich hier vor allem um ein sehr poetisches Buch. Auch die Musik spielt eine wichtige Rolle: Franz Schuberts „Winterreise“ widmet Padrutt ein langes Kapitel. Sein Fazit am Ende des Buchs: „Die Wegkehre, die Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, wäre auch Einkehr, Heimkehr und Wiederkehr: die Einkehr des Menschen in die zuvorkommende Zurückhaltung des verantwortlichen Da-seins, die Heimkehr aus der Fremde des epochalen Winters in eine neue Wohngemeinschaft unter dem Himmel auf der Erde und die Wiederkehr der Stille.“

Weitere Rückblicke auf kulturkritische Bücher der 1980er-Jahre erscheinen in der nächsten ÖkologiePolitik. http://oedp.de/aktuelles/oedp-magazin-oekologie-politik
Homepage des Autors:
http://www.guenther-hartmann.de/

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